Durch den Nebel

Lärchen in allen nur denkbaren Grün- und Gelbtönen. Sonne und strahlend blauer Himmel. Leicht gepuderte Berggipfel, Herbst im Engadin. So haben wir uns das vorgestellt. Doch der morgendliche Blick nach draussen wird von einer grauen Wand blockiert. Frustriert lasse ich mich zurück in mein Hotelbett sinken. Nebel.

Der Frühstücksraum ist eine schlechte Alternative, wenn ich an die davor liegende Terrasse denke. Mit grandiosem Panoramablick auf die gegenüberliegenden Berge. Wäre da nicht dieser feuchte, kalte und vor allem unerwünschte Nebel.

Tee und Kaffee schmecken zum Glück dennoch, langsam erwachen die Lebensgeister. Und eine Wahl haben wir sowieso nicht. Dann gibt es eben eine Wanderung durch den Nebel. Mein Begleiter ist – im Gegensatz zu mir – eh davon überzeugt, dass nach dem Nebel Sonne kommen wird. Heute noch.

Die Rucksäcke sind gepackt, die Bergstiefel geschnürt. Wir sitzen fröstelnd nebeneinander in der Bergbahn und schwärmen vom letzten Winter. Doch heute ist selbst an der Bergstation nicht viel mehr als Nebel zu sehen. Wir folgen den gelb-roten Wegemarkierungen weiter nach oben. Immerhin kann ich inzwischen die herbstliche Ski-Wüste erkennen. Bagger, Baustelle und im Dunst verschwindende Seilbahnen. Abgestorbenes Gras und leicht sumpfiger Untergrund. Grandios…

Weiter oben wird der Nebel noch dichter. Doch mein Begleiter hat sich in den Kopf gesetzt, bis zum Gipfel zu marschieren. Und lässt sich von mir auch nicht davon abhalten. Ich kämpfe mit aufkommendem Ärger. Keine Lust mich bei einer Sicht von nur 20 Metern anzustrengen. Nur um oben noch mehr Nebel zu bewundern. Missmutig stochere ich mit meinen Wanderstöcken links und rechts vom Pfad im Gras. Und stapfe weiter.

Über mir taucht eine Lawinenschutzwand auf. Irreal ragt die wuchtige Leiterwand in den Himmel, verschwindet wieder. Um gleich darauf an einer anderen Stelle wieder aufzutauchen. Ein Hauch von Blau. Dann wieder Nebel. Ich fühle mich etwas desorientiert. Wo bin ich?

Auf dem Weg.

Irritiert blicke ich nach links. Märchenhaft verwandelt sich der graue Nebel in einen weissen Schleier und gibt kurz den Blick auf gepuderte Berggipfel frei. Wie im Traum. Ich dreh mich um die eigene Achse und stehe wieder im Nebel.

Plötzlich wird aus dem Nebel Licht. Weisse Schleier umspielen das beeindruckende Bergpanorama, das auf der anderen Talseite in den strahlend blauen Engadiner Himmel ragt. Über den Wolken. Ich bin völlig fasziniert. Und unendlich dankbar, dass ich trotz mangelnder Sicht und Klarheit weitergegangen bin. Bis zum Gipfel. 

engadin

Wann hast Du zuletzt aufgegeben bevor Du am Ziel angekommen bist. Du manchmal auch ungeduldig und würdest am liebsten gleich zehn Schritte auf einmal gehen. Ist die Kunst, auch wenn es langsam ist. Es vielleicht auch für dich An(der)Zeit wieder loszugehen?

 

Unendlichkeit im Augenblick

Manchmal ist ein Gedanke kaum gedacht. Ein Wunsch gefühlt noch am Entstehen. Und schon realisiert. Wenn mir das passiert, versuche ich immer rauszufinden, warum diese Geschwindigkeit bei manchen Dingen klappt. Und bei anderen eher mäßig bis nicht. Ich glaube, es liegt an einem Gefühl der Selbstverständlichkeit. Klarheit und das Wissen, dass es machbar ist helfen auch. Und meine Vorstellungskraft.

Vor zwei Wochen habe ich ihn noch aus der Ferne betrachtet. Dass er auf meiner Gipfel-Liste für das nächste Jahr kam, lag vor allem an seinem schönen Namen: Vilan – 2.375 m über dem Meer.

Nach einem zügigen Aufstieg und mit pochender Oberschenkelmuskulatur genießen wir unsere Brotzeit mit Blick auf sämtliche Gipfel Graubündens. Piz Kesch und Bernina – meine stille Eiskönigin – schicken mir Erinnerungen aus einer anderen Zeit. Das Prättigau liegt mir zu Füssen. Über mir am Himmel bricht sich das Sonnenlicht. “Wer friert uns diesen Moment ein, besser kann es nicht sein.” (Andreas Bourani)

Vilan

Doch, kann es. Manchmal liegt das (Gipfel)Glück nur wenige Meter weit entfernt. Auf dem Gipfel des Vilan. 360 Grad Panoramablick. Dem Himmel so nah. “Auf einen Tag Unendlichkeit.”

Selbst der Calanda liegt mir hier oben (fast) zu Füssen. Der Blick auf sämtliche Berggipfel Graubündens, das Glück gefühlt ganz oben zu stehen – und beides mit einem Wandergefährten teilen zu dürfen, machen diesen Novembertag einfach perfekt. Danke. Es war An(der)Zeit mal wieder loszuziehen.

Glücksgefühle, die dein Herz höher schlagen lassen. Wir sie oft zu wenig zu? Genau kennen wir doch das Gefühl und geniessen es. Sei denn, du hattest dich in deinem Schneckenhaus verkrochen und darfst erst wieder lernen, wie es geht. Immer.

Rückkehr

“Ich bin wieder hier, in meinem Revier,…”
(Marius Müller-Westerhagen)

Voller Vorfreude auf den Tag erhebe ich meine noch etwas müden Knochen von meinem Nachtlager und schlüpfe ins Bad. Eine handvoll kaltes Wasser ins Gesicht und ein Lächeln in den Spiegel sind meine Morgentoilette. Kaffeeduft steigt mir in die Nase, als ich in kurzer Hose und T-Shirt die Treppe hinunter steige. Zu Gast bei Freunden. Nach dem Frühstück werden wir gemeinsam in die Höhe steigen. Zum Heuen. Das Wetter ist perfekt, meine Motivation groß. Und dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich mithalten kann. Mit den erprobten Bergläufern, die selbst mit über siebzig noch munter rauf und runter kraxeln. Mit Sense und Rechen jonglierend.

Gestärkt mit frischem Kaffee und zwei dicken Scheiben Brot mit Alpkäse und Marmelade geht es los. Die Bergstiefel sind schnell geschnürt, der Proviant gut verstaut. Der Pick-Up erklimmt mühelos den steilen Weg, den ich zuletzt mit Schneeschuhen bezwungen habe. Der Ausblick wird mit jedem Meter beeindruckender. Weit oben fährt mein heutiger Chef rechts ran und schaltet den Motor aus. Die Bergwiese fällt vor uns den Hang hinunter. Alles schon gemäht. Wir machen uns an die Arbeit. Zug um Zug.

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Nun stehe ich also wieder am Berg, einen großen Holzrechen in der Hand und blicke über das Dorf zu den mir so vertrauten Gipfeln in der Ferne. Inzwischen sind sie grün. Ich bin wieder hier. Genieße die frische Bergluft und den Duft des Heus, das sich um meine Füße türmt. In meinem Revier. Der Plan, mich in meiner Heimat nieder zu lassen wurde durchkreuzt. Irgendetwas hat dafür gesorgt, dass ich in die Bergen zurückkehre. War nie wirklich weg. Hab mich nur versteckt.

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Hier oben fühle ich einen tiefen Frieden. Eine Energie, die mich trotz Hitze und Anstrengung weiter machen lässt. Freude und Dankbarkeit für die Menschen um mich herum. Ich bin wieder hier.  Und habe mir einen weiteren kleinen Traum erfüllt: Heuen im Prättigau. An manchen Stellen ist die Welt hier so steil, dass mich einzig die Hingabe zum Berg und die Missachtung der Schwerkraft aufrecht hält. Und das Wissen, dass die Menschen hier das auch können. Jeden Tag und jeden Alters. Und für mich war es An(der)Zeit.

Vielleicht ist meine Heimat einfach da, wo ich bin. Hier.

Wo bist du daheim? Sein heißt oft einfach nur entspannt sein. Ist das Geheimnis. Voll und ganz den Augenblick genießen und schätzen, was das Leben schenkt. Dir jeden Tag die Möglichkeit alles um dich herum zu ändern, zu lassen oder zu lieben. Heißt akzeptieren was jetzt ist. Es auch für dich An(der)Zeit?

Allein

Heute war ich im Möbelhaus und habe Vorhänge gesucht. Allein. Ich war in der Stadt, habe Wolle, Kosmetika und einen Mülleimer besorgt. Allein. Im Restaurant an der Blau habe ich zu Mittag gegessen. Mit einem Buch. Danach einen Sonnenschirmständer gesucht und nicht gefunden. Allein. Der Kassenautomat im Parkhaus wollte vier Euro. Die habe ich bezahlt. Allein. Ich habe es geschafft, dass Auto aus der Parkbucht zu fahren. Rückwarts. Allein. Ich war alleine in der Sauna und danach beim Pizza essen.

Der Biergarten war voll, die Kellner gut beschäftigt. Mit Pärchen. Mit Gruppen. Mit Alten und Jungen. Allein schien ich unsichtbar. Ich muss mir die Pizza bildlich vorstellen, um das Restaurant nicht wieder zu verlassen. Und ich stelle mir vor, wie ich mich dann fühlen würde. Einsam.

Es ist ein wunderschöner lauer Sommerabend. Der Weißwein meiner Tischnachbarn schimmert gülden im Glas. Irgendwann schaffe ich es mit viel Willenskraft und einem etwas angestrengten Lächeln, den Kellner auf mich aufmerksam zu machen. Ein großes Tafelwasser und eine Pizza Mafia. Allein? Wie bitte? Sind Sie allein? Ja. – Er notiert meine Bestellung und lässt mich. Allein.

Mein Herz schlägt wie verrückt. Vor Wut. Demütigung. Scham. Ich kann mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren. Ergeben lehne ich mich zurück und richte meinen Blick in den endlosen blauen Himmel. Einen Atemzug nach dem anderen. Einen Augenblick. Noch will mein Herz verletzt davon galoppieren. Hört nicht auf meine beruhigenden Gedanken.

Das junge Pärchen rechts von mir starrt Löcher in die Luft. Der Herr am Nebentisch herrscht seine Frau an, weil sie das Tischtuch verschoben hat. Die Familie gegenüber sucht krampfhaft nach einem Gesprächsthema. Und ich genieße meine Pizza. Allein. Sind wir alle. Die anderen teilen sich lediglich den gleichen Tisch.

Mein Herzschlag hat sich beruhigt. Ich bin dankbar für meinen Mut, der mich allein in ein gut gefülltes Restaurant geführt hat. Die Blicke, die mich immer wieder streifen, sie könnten mitleidig sein. Oder anerkennend. Ja, vielleicht sogar sehnsüchtig ob der Ruhe, die ich habe. Allein. – Anzeit.

Wann warst Du zuletzt für Dich. Da zu sein und zu genießen. Kannst du auch für Dich allein. Sein ist kein Makel sondern Stärke und Bewusstheit. Für Dich und deine Bedürfnisse bekommen endlich wieder die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. Wir alle die Achtung für uns selbst. Ist lebenswichtig. Erkenne es. Ist An(der)Zeit.

Dem Himmel so nah

Die Sonne scheint. Weißer Schnee. Blauer Himmel. Und ein Bergpanorama, das mit jedem Augenblick größer wird. Noch sitze ich mit Freunden in der Gondel. Unsere Ski klemmen außen an der Tür, die Helme haben wir für einen Augenblick abgenommen. Ich bin froh, hier zu sein.

Zumindest bis Thomas mir plötzlich ein Lawinensuchgerät in die Hand drückt und mich auffordert es anzulegen. Was soll ich damit? Ich merke, wie ich mich innerlich verkrieche. Plötzlich nehme ich wahr, dass mir heiß ist. Könnte an den frühsommerlichen Temperaturen liegen. Thomas scheint mein Schreck Freude zu bereiten und ich ärgere mich. Nicht über ihn, nein. Über mich! Über meine Verkrampftheit. Da bietet mir das Leben die Hand, um mich mal wieder aus meiner Komfortzone zu führen und ich bekomme Schweißausbrüche. Anstatt mich zu freuen. Man oh man.

Als mir klar wird, dass er es durchaus Ernst meint – und ich natürlich eine höflich und gut erzogene Person bin – lege ich das Gerät um meinen Oberkörper und frage mich, ob ich mir bei einem Sturz damit die Rippen breche. Bei diesem Gedanken höre ich irgendetwas in mir stöhnen. Vielleicht der kleine Abenteurer, den ich irgendwohin verbannt habe. Mein Verstand will immer noch die Bestätigung dafür, dass sich mein Gegenüber einen Scherz erlaubt. Doch Thomas grinst mich nur an. – Oder vielmehr grinst da das Leben.

Woher weißt du eigentlich, dass du Angst hast?
Warum immer dieses Zögern anstelle von purer Lebensfreude?

DemHimmelsonah

Inzwischen sitze ich mit meiner Freundin im Schlepplift. Oben angekommen wartet ein steiler Pistenanfang auf mich. Zum Glück kenne ich diesen Teil schon, doch unter fachmännischer Beobachtung fühle ich mich dennoch unsicher. Ich reiße mich zusammen, rutsche mehr schlecht als recht den Hang hinab. Zum Glück kann ich auf der flacheren Piste gleich mein Können unter Beweis stellen. Doch das Leben lässt nicht locker und lockt mich mit Ski, Charme und Melone weg von der Piste. Es kostet mich extrem viel Überwindung auch nur ein paar Meter zu folgen. Könnte ja sein, dass ich direkt im Schnee versinke, mir sämtliche Knochen breche und nie wieder richtig laufen kann.

Rückblickend kann ich nur den Kopf schütteln und stelle mir vor – immerhin jetzt – wie ich freudestrahlend die Piste verlasse, mich voll und ganz dem Augenblick hingebe und die Magie außerhalb meiner Komfortzone mit jedem Schwung genieße. Dem Himmel so nah…

Wie flexibel bist Du? Wirklich immer voll und ganz im Jetzt. Sein, das ist das wahre, das eigentliche Leben. Beginnt mit jedem kleinen Schritt, der dich aus deiner Komfortzone befreit. Und mutig fühlt es sich an, dieses Wagnis einzugehen. Wird meist reich belohnt. Weißt du das eigentlich? Ist es An(der)Zeit.

Aufgetaucht

“Ich streife durch deine Träume. Ich beobachte dich durch die Augen jedes deiner Mitmenschen. Ich klopfe auf tausend verschiedene Weisen an deine Tür. Wild und verwegen zerre ich an dir, um dich im nächsten Augenblick behutsam zu umarmen. Wo bist du? Ich brauche dich. – Dein Leben.”
(Veit Lindau)

Ja, mein liebes Leben. Du hast recht. Du brauchst mich. Und ich dich. Da bin ich wieder. Ich war die ganze Zeit da. Ehrlich. Nur habe ich es nicht für nötig gehalten, mich mit dir zu beschäftigen. Traurig. Und so ganz stimmt es auch nicht. Ich habe sehr wohl bemerkt, wie du immer und immer wieder an mir gezerrt hast. An meiner Tür gepolter und laut gerufen hast. Weißt du, manchmal ist das so, mit uns Menschen. Manchmal vergesse zumindest ich, dass ich für dich verantwortlich bin. Und zwar hundertprozentig. Manchmal macht mir das einfach Angst und manchmal möchte ich so viel Verantwortung einfach nicht haben. Ich halte mir die Ohren zu, wenn du klopfst. Ich strample mich frei, wenn du mich festzuhalten versuchst. Und ich verstecke mich unter meiner Decke, wenn es dir mal wieder gelungen ist, mit einem Sonnenstrahl in mein Zimmer zu gelangen.

Ein Glück bist du so hartnäckig und lässt dich von meinen Launen nicht einschüchtern. Bin ich froh, dass ich dich habe und dass du immer zu mir hältst. Ja, klopf weiterhin an meine Tür. Stell mir ein Bein, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit schon in dunklen Gedanken versinke und zwick mich ins Ohr, sobald ich mir wieder unnütze Gedanken mache. Ich bin mir sicher, dass wir das zusammen schaffen. Danke, dass du da bist. Ich bin auch wieder aufgetaucht. Es ist An(der)zeit.

Gegenwind

In diesem Jahr ist der Bergsommer windig. Es bläst aus allen Richtungen, meist kühl und in Böen – Ostseefeeling in den Bergen. Die Sonnenschirme auf der Terrasse sind täglich kurz davor, davon zu fliegen. Und im Haus fliegen die Fliegen im Kreis.

Das Fenster ist weit geöffnet, die Türe auch. Die Freiheit liegt greifbar nahe. Gegenwind. Die Fliegen fliegen im Kreis, weil am Tor zur Freiheit der Wind am stärksten ist. Als Beobachter kann ich nur den Kopf schütteln, ob dieser Ignoranz und Schwäche. Bis mir bewusst wird, wie oft ich schon selbst im Kreis geflogen bin.

Wie oft liegt die Freiheit direkt vor deiner Tür, ohne dass du sie erkennst? Du deine täglichen Chancen, was hält dich davon ab, sie zu nutzen? Ein wenig Gegenwind? Oder die Angst, dass draußen vor dem Fenster die Welt noch rauer ist als in deinem Käfig? Verpasst du deine eigene Lebendigkeit. Deine Kraft. Ist viel größer als du zu glauben bereit bist. Du schon so weit? Um deine Komfortzone zu verlassen? Vor Deinem Fenster wartet die Magie des Lebens. Deine ganz persönliche Anzeit.

Eine Frage der Perspektive

Die schönste Belohnung beim Bergwandern ist der Weitblick in alle Himmelsrichtungen. Nach einem schweißtreibenden Anstieg endlich ganz oben zu stehen, zu Fuße liegen gefühlt unendlich viele Gipfel, manche noch schneebedeckt. Ein Panorama, das jede Anstrengung wert ist. Blauer Himmel, ein dahingleitender Steinadler, eine warme Sommerbrise. – Überwältigend.

plattenhorn

Hier oben scheint alles bedeutend einfacher. Hier oben fühlt sich alles leichter an. Ein kleiner Ortswechsel verändert die Perspektive. Berge, die vom Tal aus einen prädestinierten Platz einnehmen, verschwinden plötzlich in einer ganzen Bergkette. Ein alleinstehender Riese wird zum Teil einer Gruppe. Eine echte Herausforderung löst sich in Wohlgefallen auf. – Perspektivwechsel.

Bergkette

Ein Ortswechsel rückt Vieles ins rechte Licht. Wenige Schritte verändern das gesamte Bild. Nichts ist so wie es scheint? Vielleicht. Oder gibt es für alles verschiedene Ansichten? Wahrscheinlich. Die Berge überraschen immer wieder mit wunderbaren Metaphern. Innerhalb von wenigen Minuten ändert sich alles. Plötzlich gibt der Bergriese frei, was hinter ihm verborgen war.

Verändere deine Perspektive und es verändert sich dein Universum. Ist größer und birgt höchstwahrscheinlich mehr Wege und Möglichkeiten als du bisher entdeckt hast. Du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass du jederzeit die freie Wahl hast? Du dir schon einmal überlegt, dass du eine Herausforderung von einer anderen Seite betrachten könntest? Du damit dein Universum verändern? Heißt Neues zulassen. Ist An(der)zeit.

Rauschende Stille

Fast haben wir den längsten Tag des Jahres. Es ist Abend. Stille. Bei genauem Hinhören nehme ich nur das leise Rauschen eines kleinen Gebirgsbaches wahr. Kaum zu unterscheiden vom Wind, der in den Tannenwipfeln spielt. Ein paar Vögel zwitschern noch. – Ruhe.

Hinter mir liegen zwei betriebsame, manchmal hektische Wochen. Die Sommersaison in den Bündner Alpen ist gestartet. Blumen pflanzen, Bänke streichen, Fenster putzen, Weinkarte aktualisieren. Speisekarte ausdrucken, Getränke bestellen, Rasen mähen. Buchungen annehmen, Veranstaltungen planen. Abwaschen. – Stille.

Ganz langsam komme ich an. In Schlappin. Langsam registriere ich die grünen Wiesen, die Steinmäuerchen und die Walserhäuser. Die mächtigen Berge um mich herum, vor kurzem noch mit Schnee bedeckt. Noch vor zwei Jahren habe ich sie jeden Tag bestaunt. Jeden einzelnen Tag. – Achtsamkeit.

Ich nehme mir vor, das ab heute wieder zu tun. Jeden morgen bewusst nach draußen gehen. Bewusst wahrnehmen. Die Berge, den Schimmer von Rosa, der sich ganz langsam ausbreiten wird. Aplenrosen. Die frische Luft. All die Schönheit um mich herum, die irgendwie schon selbstverständlich geworden zu sein scheint.

Ein Phänomen. Warum gewöhne ich mich so schnell an ein neues Umfeld? Warum sinkt die Achtsamkeit und woher kommt dieses gewöhnliche Gefühl? Ist Schönheit ein optischer Reiz, der irgendwann normal wird? Fast kommt mir das Wort “abgenutzt” in den Sinn. Habe ich zu lange gestaunt und bewundert? Die Gewohnheit, die andernorts hilfreich sein kann, scheint mir hier fast Frevel.

In der Ferne ruht mein Blick auf einem schneebedeckten Gipfel. Weiße Wolken türmen sich dahinter auf. Ansonsten ist der Himmel blau. Die Tannen reihen sich wie grüne Wächter aneinander. Gesäumt von saftig bunten Wiesen. In der Mitte der See. Das Wasser vom Wind gekräuselt. Eiskalt sammelt es sich hier, nach einem langen Weg vom Berggipfel durch das Schlappiner Tal. – Stille. Nur der Bach rauscht.

Meine angespannten Schultern sinken. Ich bin ruhig. Angekommen. Fühle ich mich gut. Dass ich mir endlich die Zeit genommen habe. Ich zuvor nicht einmal die Stille wahrnehmen können. Wir nicht jeden Tag etwas dafür tun, um unsere ganz persönliche Stille zu finden. – Es ist einfach. An(der)zeit.

Saluti

“Die Dinge und Ereignisse von Zeit und Raum – die Gegenstände um dich herum, deine Erinnerung an jüngste Ereignisse – all dies verrät nur etwas darüber, wo du gewesen bist, nicht, wohin dein Weg dich noch führt.”

Mit diesem Zitat von Mike Dooley starte ich den Blog, weil er in wenigen Worten auf den Punkt bringt, dass wir jeden Tag Entscheidungen treffen, die uns dort hinbringen, wo wir heute sind. Wir können jeden Tag die Richtung ändern. Oft sind es Kleinigkeiten, die Großes bewirken können. Schau mal genau hin. Vielleicht ist es auch bei dir An(der)zeit.